Salamanca beschließt! Helsinki handelt! Und Weimar … ?

Salamanca beschließt! Helsinki handelt! Und Weimar … ?

Salamanca beschließt!

Salamanca – ist eine Stadt in Spanien, in der im Juni 1994, die Weltkonferenz „Pädagogik für besondere Bedürfnisse: Zugang und Qualität“ stattfand.

Das Leitprinzip dieser Konferenz besagt, dass in Schulen alle Kinder, unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten lernen sollen und zwar in einer Schule! Das schließt sowohl behinderte und begabte Kinder, Kinder von entlegenen oder nomadischen Völkern, von sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Minoritäten als auch Kinder von anders benachteiligten Randgruppen oder –gebieten ein.

Einfacher gesagt: Die Salamanca-Erklärung von Juni 1994 bekräftigt das Recht jedes Menschen auf Bildung. Sie erkennt die Notwendigkeit und Dringlichkeit an, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit besonderen Bedürfnissen innerhalb des Regelschulwesens zu unterrichten!

Genau das wollen wir!

Wir wollen ein Bildungssystem ohne Ausgrenzung. Alle Menschen werden in ihrer Verschiedenheit geschätzt und Willkommen geheißen – auch in der Schule!

Helsinki handelt!

 2007 hat Finnland die UN-Menschenrechtskonvention unterzeichnet. Seitdem wurden 2/3 aller Sonderschulen geschlossen und die Schüler innerhalb des Regelschulwesens unterrichtet. In der sogenannten Tupa (Hütte oder Schutzraum) lernen die Schüler einzeln oder in Kleingruppen und werden somit speziell außerhalb des Klassenverbandes gefördert. Der Umfang der Förderung richtet sich nach den individuellen Bedürfnissen der Schüler. Ob diese stundenweise oder in bestimmten Fächern aus dem Klassenverband herausgenommen werden, wird dann von Fall zu Fall entschieden. Es gibt immer Phasen, in denen ein Kind besondere Bedürfnisse hat oder besondere Lernbedingungen braucht! So ist fast jeder 2. Schüler in seiner Schullaufbahn mal ein „Förderkind“. In den Klassenverbänden lernen max. 20 Schüler.

Der gemeinsame Unterricht findet vom ersten bis zum neunten Schuljahr in einer Einheitsschule statt. Danach können die Schüler in Schulen der allgemeinbildende Sekundarstufe II oder Schulen berufsbildender Sekundarstufe II lernen.

In jeder Einheitsschule arbeiten mehrere Sonder-, Förder- und Sozialpädagogen gemeinsam mit dem Lehrer, aber auch Krankenschwestern und Psychologen können zu Rate gezogen werden. Sie haben einen Blick auf alle Kinder, nicht nur auf die mit sonderpädagogischem Förderbedarf. Am Ende jedes Schuljahres findet eine Evaluation statt in der die Pädagogen beurteilen, inwieweit sie die Inklusion aller Schüler gewährleisten konnten. Wenn Bedarf an speziell ausgebildeten Kräften aktuell ist, werden diese der Schule zur Verfügung gestellt. Auch die Notengebung ist ganz klar geregelt. In der 1.-4.Klasse gibt es keine Noten, sondern verbale Einschätzungen, die jedem Kind die Stärken aufzeigen, aber auch die zu bearbeitenden Probleme oder Schwierigkeiten thematisieren. Von der 5.-7. Klasse können zusätzlich zu dieser verbalen Einschätzung Noten gegeben werden. Ab der 8.Klasse findet eine Benotung der Leistung statt.

Und Weimar…?

Deutschland hat die UN-Konvention 2009 unterschrieben. Es gibt seitdem Bestrebungen, die Inklusion auch im deutschen Schulsystem umzusetzen und dennoch ist Deutschland „Weltmeister im Aussortieren“. In Thüringen gibt es nur wenige wirklich gute Beispiele gelingender Inklusion.

In Deutschland wurde nie klar gesagt und sich dazu auch bekannt, dass Inklusion was kosten wird, soll und darf. Im Gegenteil: Inklusion ja, aber bitte sehr kostenneutral! Das funktioniert nicht!

Wie sieht der momentane Ist – Stand des Gemeinsamen Unterrichtes (GU) in Weimar aus Elternsicht aus? Es gibt nach wie vor Schulen, in denen die Akzeptanz des GU sowohl in der Elternschaft, als auch in der Lehrerschaft sehr niedrig ist.

Im Grundschulbereich wird z.T. sehr erfolgreich der GU umgesetzt. Im Gymnasial- und Regelschulbereich sieht es leider noch nicht so optimal aus. Es gibt Schulen, die sich auf den Weg gemacht haben. Doch fehlt es noch an den Rahmenbedingungen. Es gibt einfach keine Festlegung, welche Rahmenbedingungen für die Umsetzung des GU eingehalten werden müssen.

Zu große Klassen, ein zu geringer Personalschlüssel und der derzeitige Lehrermangel hemmen die weitere Entwicklung des GU’s. Zu lange Bewilligungszeiten in der Schulbegleitung, bzw. die sehr zögerliche Bewilligung sind auch nicht förderlich.

Die betreffenden Akteure haben keine Handlungssicherheit! In dieser Situation kommen alle an ihre Grenzen. Die Gefahr, dass Lehrer oder Schüler dabei auf der Strecke bleiben ist sehr groß! Die Lehrer an Weimars Schulen versuchen schon mit vielen Überstunden und Engagement den normalen Schulbetrieb am Leben zu halten, dabei lässt mit der Zeit natürlich auch die Kraft und der Elan der Pädagogen nach.

Eltern von Kindern mit Behinderung in Weimar haben nach der Grundschulzeit keine wirkliche Wahl für die Beschulung ihres Kindes. Aufgrund großer Klassen, der fehlenden personellen Sicherheit an den Regelschulen und aufgrund z.T. einer fehlenden Willkommenskultur gegenüber Kindern mit besonderen Bedürfnissen entscheiden sie sich doch für die Beschulung im Förderzentrum. Diese Kinder sind ja auch keine „Versuchskaninchen“! Sie dürfen an den Regelschulen nicht schlechter gestellt werden, als in einem Förderzentrum. Derzeit wäre es aber so…

Es muss sich viel verändern! Auch Weimar könnte Akzente setzen! Mit dem Bau eines Gebäudes für die Jenaplanschule (Staatliche Gemeinschaftsschule Weimar), das auch inklusiven Ansprüchen gerecht wird, ist ein erster Schritt getan. Doch reicht er aus? Warum gründet Weimar nicht eine Gemeinschaftsschule/Gesamtschule in städtischer Trägerschaft? Es gibt hierfür erfolgreiche Beispiele in Thüringen! Diese städtische Schule hätte in seiner Umsetzung viel mehr Spielraum (Klassenstärke, Personalschlüssel, Konzept). Eine finnische Schule könnte dafür Vorbild sein. Vielleicht sollte man mal in unserer Partnerstadt Hämeelinna mit den dortigen Akteuren in Sachen Bildung sprechen?!….

Das Konzept so einer Schule könnte komplett neu erarbeitet werden. Es könnte ein Konzept sein, dass den Ansprüchen einer modernen, inklusiven Schule gerecht werden würde. Sowohl kleine Klassenstärken von maximal 20 Schüler wie in Finnland, ein besserer Personalschlüssel und Ganztagsangebote als auch ein pädagogisches Konzept, dass der großen Heterogenität so einer Lerngemeinschaft gerecht werden würde, wären möglich. Natürlich kostet so eine Schule viel Kraft, Engagement und auch Geld, aber es wäre eine lohnende Investition in die Zukunft! Es geht um unsere Weimarer Kinder!

Wir müssen es wollen!!!

Für Weimar hätte es einen weiteren guten Nebeneffekt: die derzeit großen Klassen würden automatisch kleiner werden :-).

Unser Verein schreibt derzeit an einem Konzept für so eine moderne Gemeinschaftsschule/Gesamtschule – vielleicht ist dies ja schon der erste Schritt und den zweiten Schritt gehen wir gemeinsam mit der Stadt Weimar?! Es wäre toll!

So ein Pilot- und Vorzeigeprojekt stände Weimar doch richtig gut!

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